Mitte Mai. Noushka ist eine Siberian Husky und hat schon mehrere T3- und T4-Touren sowie ein paar Skitouren hinter sich. Ich suche etwas, das nicht zu weit von Zürich entfernt ist, das bereits schneefrei ist und das uns mit einer Aussicht belohnt, die man so schnell nicht vergisst. Die Stockflue — 1136 Meter, Kanton Schwyz, direkt über Brunnen am Vierwaldstättersee — erfüllt alle drei Bedingungen.
Die Frage ist: Schafft sie das?
Ein sonniger Maitag, eine Husky und die Frage: Schafft sie das?
Ich bin nicht blauäugig an dieses Vorhaben herangegangen. Noushka ist aktiv, trittsicher und hat keine Angst vor Fels. Aber T5 ist eine andere Liga als T4 — und ich wusste das. Der Unterschied liegt nicht nur im Steilheitsgrad des Geländes, sondern in der Konsequenz jedes Fehlers.
Wir sind trotzdem gegangen — mit offenen Augen, viel Wasser, Snacks und einem guten Plan. Dieser Artikel erzählt, was wirklich passiert ist: die schönen Momente und die zwei Stellen, an denen Noushka schlicht nicht weiterkam.
Stockflue: Aussichtsberg über dem Vierwaldstättersee
Die Stockflue ist ein markanter Felsturm über Brunnen (SZ), der sich aus dem bewaldeten Hang über dem Urnersee — dem östlichen Arm des Vierwaldstättersees — erhebt. Von oben öffnet sich ein Panorama, das sich fast unwirklich anfühlt: das tiefblaue Wasser, die Rigi im Westen, die Urner Alpen im Süden. Schweizer Tourismusquellen beschreiben den Gipfel als «südländisch anmutend» — und das stimmt. Auf dem warmen Kalkstein mit Blick auf den See könnte man meinen, man wäre irgendwo in den Dolomiten.
Die Route «Bützi–Stockflue» ist als T5 klassifiziert — die zweithöchste Schwierigkeitsstufe auf der SAC-Wanderskala. Sie ist laut Schwyz Tourismus «kurz, aber landschaftlich ungemein reizvoll». Kurz bedeutet hier nicht einfach.

Was bedeutet T5 — und kann mein Hund das?
Der Schweizer Alpen-Club definiert T5 so:
Häufig weglos. Einzelne leichte Kletterstellen (max. UIAA Grad II). Meist sehr exponiert, heikle Grashalden, heikle Schrofen, einfache Firnfelder und apere Gletscherpassagen.
Die Anforderungen: Vertrautheit mit exponiertem Gelände, sehr gute Trittsicherheit, ausgezeichnete Orientierung, gute alpine Erfahrung, elementare Kenntnisse im Umgang mit Pickel und Seil. (SAC Schwierigkeitsskalen)
Für Hunde bedeutet das:
- T5 ist keine Route für Erstlinge. Ein Hund ohne T3/T4-Erfahrung hat hier nichts verloren.
- Manche Passagen sind für Hunde schlicht unpassierbar. Kamine, enge Felsspalten, senkrechte Griffe — das ist kein Gelände, das ein Hund alleine navigieren kann.
- Huskies überhitzen schnell an südexponierten Felsrouten in der Maisonne. Wasser ist keine Option, sondern Pflicht.
Ich sage das deutlich: Wenn dein Hund noch nie auf Fels war, wenn er ängstlich ist, wenn er körperlich nicht fit ist — dann ist die Stockflue nichts für euch. Nicht heute.
Unsere Route: Brunnen → Stockflue → Timpelweld
Start in Brunnen, direkt ab Bahnhof zu Fuss erreichbar (SBB nach Brunnen, dann auf Beschilderung Richtung Stockflue / Urmiberg achten). Wir folgen dem blauen Weg auf der SwissTopo-App — blau markiert in der Schweiz Alpinrouten der Kategorien T4 bis T6, deutlich anspruchsvoller als die gelben Wanderwege oder die weiss-rot-weiss markierten Bergwege.

Der Aufstieg führt zunächst durch bewaldetes Gelände — angenehm schattig, gut für Noushka. Dann öffnet sich der Hang und das Gelände wird felsiger. Die Route ist durch fixe Stahlseile an den steilsten Stellen gesichert. Klettertechnisches Material braucht man als Mensch nicht — gute Bergschuhe mit Grip sind aber zwingend.
Ziel nach dem Gipfel: Bergrestaurant UrmibergTimpelweld, dann Abstieg per Gondel zurück nach Brunnen.

Die Realität auf dem Fels: wo Noushka klettern konnte — und wo nicht
Noushka hat mich beeindruckt. Die meisten technischen Passagen — schräge Felsplatten, grobe Blöcke, steile Graspassagen zwischen Felsrippen — hat sie mit Begeisterung gemeistert. Ihre Pfoten greifen gut auf rauem Kalkstein, und sie hat keine Höhenangst.

Dann kamen die zwei Stellen, die uns stoppten.
Beide Male dasselbe Muster: ein schmaler Kamin oder eine fast senkrechte Felssequenz, die für Menschen mit Griffen und Tritten machbar ist — aber für einen Hund ohne Finger schlicht zu viel verlangt. Noushka versuchte es einmal, stellte dann fest, dass es nicht ging, und schaute mich an. Klug.

Wir suchten uns beide Male einen Weg durch das Gebüsch daneben. Keine elegante Lösung, aber eine funktionierende.

Ehrliche Einschätzung: Wer einen Hund mitbringt, muss bereit sein, auf jedem Höhenmeter neu zu beurteilen, ob es weitergeht oder nicht. «Wir sind so weit gekommen» ist kein Argument, wenn der nächste Schritt eine Gefährdung bedeutet.

Ausrüstung: was wir dabei hatten, was wir hätten dabei haben sollen
Was Noushka hatte:
- Normales Spaziergeschirr
- Lange Leine
- Faltbare Wasserflasche
- Viele Snacks
Was wir hätten dabei haben sollen:
Ein Alpin-Hundegeschirr mit stabilem dorsalem Tragegriff wäre an den zwei Umgehungsstellen Gold wert gewesen. Dazu:
- Kletterseil (dynamisch, kurz)
- Sicherungsgerät (um den Hund kontrolliert abzulassen oder hochzuziehen)
- Karabiner
- Erste-Hilfe-Set für Mensch und Hund (kompakte Variante oder umfassenderes Set)
Mit dieser Ausrüstung hätten wir die Kamine möglicherweise direkt passieren können — sicher gesichert, ohne improvisierte Umgehung. Für Hunde, die noch keine Erfahrung mit Scrambling haben, ist dieses Set keine Kür, sondern Pflicht.
Wer erstmals mit dem Gedanken spielt, einen Hund auf alpines Gelände mitzunehmen, findet in unserer Erstbesitzer-Checkliste für Zürich einen guten Ausgangspunkt für die Grundausstattung.
Einkehr: Bergrestaurant UrmibergTimpelweld
Nach dem Gipfel kommt das Bergrestaurant UrmibergTimpelweld — und es lohnt sich. Hunde sind willkommen (persönlich bestätigt). Die Aussicht auf den Vierwaldstättersee ist von der Terrasse aus nochmals besonders schön. Wir haben uns eine verdiente Pause gegönnt, Noushka hat Wasser bekommen und neben unserem Tisch geschlafen wie ein Stein.
📍 Bergrestaurant UrmibergTimpelweld auf Google Maps
Eine kleine Randnotiz: Timpelweld ist auch ein beliebter Startpunkt für Paraglider. Wir haben beim Mittagessen mehrere beobachtet, wie sie in die Luft gestiegen sind — ein zusätzlicher Grund, etwas länger zu bleiben.

Folge Noushkas Touren auf Instagram: @noushkathehusky
Abstieg per Gondelbahn — Bargeld nicht vergessen
Vom Bergrestaurant geht es per Gondel zurück nach Brunnen. Zwei wichtige Hinweise aus eigener Erfahrung:
- Nur Bargeld — keine Kartenzahlung möglich. Unbedingt vor dem Aufstieg CHF einstecken.
- Hunde fahren gratis.
Die Fahrt dauert nur wenige Minuten und bietet nochmals eine wunderschöne Perspektive auf Brunnen und den See.
Beste Jahreszeit, Wetter und nützliche Apps
Die Stockflue ist im Vergleich zu vielen anderen Alpinrouten schon ab Mitte Mai schneefrei — auf rund 1136 Metern liegt der Schnee nicht lange. Trotzdem: Frühjahrsbedingungen können schnell wechseln, und auf Nordhängen oder in Rinnen kann Restschnee die Trittsicherheit drastisch reduzieren.
Meine App-Empfehlungen für diese Tour:
- SwissTopo — zwingend. Der blaue Weg ist auf Signalisierungskarten oft schlecht sichtbar, in SwissTopo aber klar erkennbar. Strecke vorher herunterladen für Offline-Nutzung.
- MeteoSwiss — für die Stundenvorhersage am Tourtag. Bei T5 ist kein Spielraum für Überraschungen.
- SBB Mobile — An- und Rückreise nach Brunnen planbar, Verbindungen gut.
Für sanftere Touren rund um Zürich ohne T5-Anspruch findest du viele Ideen in unserem Wandern-mit-Hund-Guide für Zürich — dort sind auch hundefreundliche Routen für weniger erfahrene Vierbeiner dabei.
Nach der Tour: Zeckenkontrolle und Vorbeugung
Sobald wir zurück im Tal waren: sofortige Zeckenkontrolle. Wald, Gras, Unterholz — und wir hatten auf dem Ausweichweg durch das Gebüsch viel davon gestreift. Zeckensaison in der Schweiz läuft von April bis November, mit Hochsaison Mai–August.
Wo suchen:
- Zwischen den Zehen
- Leistengegend und Bauch
- Ohren (innen und aussen)
- Achselfalten
- Rund um den Schwanz
Zum sicheren Entfernen einer Zecke eignet sich ein richtiges Zeckenentfernungswerkzeug — es hebt die Zecke sauber heraus, ohne den Körper zu quetschen oder den Kopf in der Haut zurückzulassen. Mit den Fingern oder einer normalen Pinzette passiert oft genau das.
Noushka ist mit einem tierärztlich verschriebenen Präparat gegen Zecken und Flöhe geschützt (Bravecto oder gleichwertiges — immer zuerst den Tierarzt befragen). Wer in der Saison regelmässig in Wäldern und auf Alpweiden wandert, sollte das ernst nehmen.
Ist deine Tour mit Hund T5-reif? Eine ehrliche Checkliste
Bevor du mit deinem Hund auf eine T5-Route gehst:
Dein Hund:
- Hat mindestens T3 und T4 Erfahrung auf natürlichem Fels
- Ist körperlich fit und hat keine Gelenk- oder Rückenprobleme
- Ist über 12–15 Monate (Wachstumsfugen geschlossen — je nach Rasse variiert dies, frag deinen Tierarzt)
- Zeigt keine Angstreaktionen in exponiertem Gelände
- Kann sicher an der Leine geführt werden auch in heiklem Terrain
Du:
- Hast das Alpin-Hundegeschirr mit Tragegriff
- Hast Seil, Sicherungsgerät und Karabiner dabei
- Hast ein Erste-Hilfe-Set für Hund und Mensch
- Hast SwissTopo vorher studiert und die Route offline gespeichert
- Hast das Wetter gecheckt (MeteoSwiss Stundenvorhersage)
- Bist bereit, umzukehren
Wenn du einzelne dieser Punkte mit «nein» beantwortest: das ist keine Schwäche, das ist gutes Urteilsvermögen. Es gibt viele grossartige hundefreundliche Ausflugsziele rund um Zürich — vom gemütlichen Seeufer bis zur T3-Wanderung — ohne das Risiko einer T5-Route.

Noushka hat die Stockflue mit einem riesigen Grinsen abgeschlossen. Wir werden wiederkommen — mit dem richtigen Klettergeschirr.
Weiterführende Links
- SAC Tourenportal — Stockflue
- Schwyz Tourismus — Bützi–Stockflue
- Erlebnisregion Mythen — Bützi–Stockflue
- Outdooractive — Route und Karte
- Bergrestaurant UrmibergTimpelweld
- @noushkathehusky auf Instagram
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Dieser Artikel ist ein persönlicher Erfahrungsbericht und keine Tourenempfehlung. T5-Touren stellen hohe Anforderungen an Mensch und Hund. Jede Tour erfolgt auf eigene Verantwortung. Offizielle Schwierigkeitsskalen und aktuelle Bedingungen sind beim SAC, bei der Sektion oder auf SwissTopo zu prüfen. Hundespezifische Vorschriften unterscheiden sich je nach Kanton — diese Route liegt im Kanton Schwyz, nicht Zürich.

